Mittwoch, 30. Januar 2013

Stellungnahme zur Energiestrategie 2050



An das Bundesamt für Energie

Sektion BP
3003 Bern


Zürich 29.1.2013

Stellungnahme zur Vernehmlassung des Bundesrates zur Energiestrategie 2050
von Dr. Christina Marchand

Sehr geehrte Bundesräte, geehrte Damen und Herren

Mit diesem Schreiben erlaube ich mir als Privatperson an der Vernehmlassung des Bundesrates zur Energiestrategie 2050 teilzunehmen.

Zur Person
Ich bin doktorierte Chemikerin und arbeite bei comparis.ch als Nachhaltigkeitsverantwortliche. In den letzten 2 Jahren habe ich mich beruflich intensiv mit dem Schweizer Strommarkt beschäftigt und mich zur Nachhaltigkeits-Expertin mit Schwerpunkt Klimawandel weitergebildet. In diesem Zusammenhang fühle ich mich befähigt, eine Stellungnahme zur neuen Energiestrategie abzugeben. Meine hier geäusserte Meinung ist rein privat und entspricht nicht einer offiziellen comparis.ch Meinung. Ich würde mich freuen, mit meiner Stellungnahme einen Beitrag zu Ihrer Entscheidung zu leisten.

Stellungnahme
Ich bedanke mich beim Bundesrat, dass unsere Strom- und Energieversorgung als sehr wichtige, zentrale Anliegen erkannt wurden und in diesem Zusammenhang eine klare Entscheidung gegen den Neubau von Atomkraftwerken und für den Klimaschutz getroffen wurde. Nach der Katastrophe wurde die Entscheidung für eine Energiewende schnell gefällt und zielgerichtet vorangetrieben. Mit der neuen Strategie des Bundesrates werden die wichtigsten Eckpunkte für eine nachhaltige Entwicklung eingeschlagen. Das ist sicher positiv. Aber die vorgeschlagenen Massnahmen und Zielwerte entsprechen nicht dem Ernst der Lage. Ich möchte folgende Punkte anbringen:

Der Klimawandel ist ein höchst schwerwiegendes und drängendes Problem, das potentiell schon in diesem Jahrhundert zur Destabilisierung unserer Zivilisation und zur Ausrottung von ¾ aller Lebewesen führen kann (siehe James Hansen et al., diverse Veröffentlichungen). Schon unsere Kinder, aber sicher unsere Enkel sind massiv betroffen, unter Umständen sogar schon unsere Generation. Im Rahmen der globalen Vernetzung wird kein Land den Auswirkungen des Klimawandels entkommen, selbst wenn es selber nicht direkt von massiven Umweltveränderungen betroffen ist. Steigende Meeresspiegel, massive Migrationsbewegung, hohe Umweltkosten werden die Stabilität der Weltwirtschaft und den Frieden bedrohen. Wenn man in diesem Zusammenhang von sicherer Stromversorgung redet, dann muss man von einer Stromversorgung reden, die alles dafür tut, dass dem Klimawandel Einhalt geboten wird.

Der Klimawandel ist ein weltweites Problem. Die Schweiz kann den Klimawandel nicht alleine bekämpfen, aber sie kann Signale in die ganze Welt aussenden und eine Vorreiterrolle einnehmen. Die Schweiz hat die idealen Voraussetzungen für eine 100% erneuerbare Stromversorgung und weitgehend erneuerbare Energieversorgung. Neue Studien von Prof. Gunzinger zeigen klar, dass die Schweiz eines der wenigen Länder dieser Welt ist, welche relativ schnell und nahezu kostenneutral auf erneuerbare Energien umstellen können. Wenn unter diesen Voraussetzungen nur ein Minimalfahrplan angestrebt wird, dann können wir nicht gleichzeitig von anderen Ländern eine zügige Bekämpfung des Klimawandels zu fordern. Es ist für mich zwingend nötig, dass die Schweiz, als eines der reichsten und bevorzugtesten Länder der Erde, einen sehr ehrgeizigen Plan zur Vermeidung von CO2 und Umstellung auf erneuerbare Energien vorlegt und damit den anderen Ländern einen Weg zeigt, wie wir den Klimawandel zumindest abschwächen können. Wenn wir das nicht schaffen, dann wird unsere Energieversorgung auf die Dauer nicht sicher sein, da die Welt eine unsichere werden wird.

Auch die Atomkraft ist als Energieträger abzulehnen, da sie mit grossen Unsicherheiten und Risiken behaftet ist und deshalb nicht 100% sicher betrieben werden kann. Bereits jetzt sind Wind- und Solarenergie unter Einbezug aller Kosten nicht teurer. Ein Abschalten ist deshalb so früh wie möglich, natürlich unter Beachtung des Klimaschutzes und mit klaren Ausstiegsterminen anzustreben.  Neue Gaskraftwerke müssen bei der richtigen Strategie keine gebaut werden (neue Forschungsergebnisse von Prof Gunzinger).

Entscheidungen und Lenkung soll in erster Linie über korrekte Vollkostenpreise passieren, die sämtliche, uns heute bekannten direkten und indirekten Kosten enthalten. Importe aus dem Ausland sind dementsprechend beim Grenzübertritt preislich anzugleichen, so dass Kostenwahrheit gegeben ist. Mit diesen korrekten Preisen und einigen klaren Regeln und Verboten, kann der Markt wieder funktionieren und Konsumenten können die richtigen Entscheidungen treffen. In diesem Zusammenhang ist auch die vollständige Liberalisierung des Strommarktes anzustreben, so dass Konsumenten zum Produkt und Anbieter ihrer Wahl wechseln können und damit die Energiewende voran treiben können.

Neben der Effizienz muss Suffizienz als wichtiges Mittel zur Erreichung der Ziele angestrebt werden. Wir können nicht dauerhaft weiter auf Kosten und mit dem Verbrauch der Lebensgrundlagen der folgenden Generationen und anderer Weltbewohner leben. Suffizienz muss notfalls durch höhere Preise oder Verbote erreicht werden. Es reicht nicht, hier auf Freiwilligkeit zu setzen.

Wichtig ist die Akzeptanz in der Bevölkerung. Hier muss eine massive Aufklärung über die Gefahren des Klimawandels und der Umweltzerstörung erfolgen, welche immer noch von einigen Meinungsführern und zum Teil von der Presse verharmlost wird. Unsere Bundesräte müssen in Ansprachen zum Volk und zu den Meinungsführern klar machen, dass es sich um eine reale Bedrohung unserer nationalen Sicherheit handelt, die nur mit engagierten und zügigen Massnahmen bekämpft werden kann. Eine sichere Energieversorgung mit fortschreitendem Klimawandel ist keine sichere Energieversorgung und schon gar keine sichere Zukunft.

Die Schweiz kann von zügigen und weitreichenden Massnahmen im Bereich erneuerbare Energien, Effizienz und Suffizienz nur profitieren. Reduzierte Abhängigkeit von potentiell unstabilen Energielieferländern und damit reduzierte Abflüsse von wertvollen Devisen in diese Länder, Stärkung der eigenen Innovationskraft und des inländischen Arbeitsmarktes und Gewerbes sind nur einige positive Effekte in diesem Zusammenhang. Unser Vorgehen in der kleinen Schweiz könnte ein wichtiger Hebel sein, der in anderen Ländern weitreichende Massnahmen auslöst und damit Schritte zu einer wirksamen Eindämmung des Klimawandels vorantreibt. Denn der Klimawandel passiert deutlich schneller, als selbst vom IPCC vorhergesagt. Auch wir müssen deshalb schneller reagieren, als wir noch vor kurzem angenommen haben. Ich hoffe, ich konnte mit meinen Ausführungen Denk- und Handlungs-anstösse geben. Für Fragen stehe ich jederzeit gerne zur Verfügung. Danke für die Gelegenheit mich zur Strategie zu äussern.


Mit freundlichen Grüssen
                   Christina Marchand

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